Ich mag die Externsteine. Sie haben ein einmaliges Flair. Deswegen "verewigte" ich die auch schon vor einiger Zeit in einer Mystery-Geschichte (wer noch mehr solcher Geschichten lesen will, der findet die auf meiner HP unter "Private Area/ Lesetipps/ Nicht von dieser Welt" oder unter http://asmodis.heim.at/nichtvondieserwelt.pdf als Direktlink).
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Ulli konnte sich nicht mehr so recht daran erinnern, wann er die Steine zum ersten Mal besucht hatte. Es war irgendwann in den Sechzigern und er selbst noch ein kleiner Junge gewesen. Ein Sonntagsausflug, anlässlich dessen seine Eltern ihn in den feinsten Sonntagsstaat gesteckt hatten, den ihm verhassten Matrosenanzug. Seinerzeit der letzte Schrei. Und dann ging es mit dem alten, gebrauchten Zweitakter-DKW, dem "Faltenrock", mehr als zwei Stunden lang über die Schlagloch-übersähten Landstraßen. Ihm war im Auto schlecht geworden und er musste sich übergeben. Gerade noch rechtzeitig konnte sein Vater damals rechts ran fahren. Der Matrosenanzug bekam nichts ab und genau das war den Eltern am Wichtigsten.
Nach schier endloser Zeit - jedenfalls kam es ihm als Kind so vor - steuerte sein Vater einen Parkplatz an und der Motor wurde abgestellt. Von hier aus ging es zu Fuß weiter, durch ein lichtes Waldgebiet. Unvermittelt standen sie danach vor einer Wiese und an deren gegenüber liegender Seite erhob sich die imposante Kulisse einer aus dreizehn gigantischen Steinen bestehenden Felsgruppe, zu deren Füßen sich ein See befand. Tief im Innern verspürte Ulli damals ein sehr seltsames, undefinierbares Gefühl. Gerade so, als sei er plötzlich in ein Märchenland geraten. Mit seinen Eltern wanderte er um die Felsen herum und das seltsame Gefühl verstärkte sich noch. Er wollte nach oben klettern. Es wurde ihm verboten. Er wollte in die Felshöhle. Es wurde ihm nicht erlaubt. Er wollte zum Wasser hinunter. Auch das lehnten seine Eltern ab, denn der teure Matrosenanzug durfte ja nicht schmutzig werden. Alles in allem war es für Ulli ein äußerst unbefriedigender Ausflug. Nur eins blieb in seinem Gedächtnis haften - und das war das einzigartige Flair dieser Steine.
Jahrzehnte später. Die Welt hatte sich weiter gedreht. Ulli war inzwischen selbst zum Familienvater geworden. Er fuhr seinen Schwiegervater, der gerade eine schwere Wirbelsäulenoperation hinter sich hatte, zur REHA nach Bad Driburg. Schon auf dem Hinweg fiel ihm irgendwo auf der Strecke dieses Schild auf: "Externsteine". Er erinnerte sich schlagartig an das seltsame Gefühl von damals und beschloss, auf dem Rückweg einmal bei den Steinen vorbei zu schauen. Nur so aus Neugier.
Die Fahrt verlief wie geplant; der Schwiegervater wurde in der Klinik abgeliefert. Ulli brachte ihm noch das Gepäck mit auf's Zimmer. Als alles erledigt war ging er zum Fahrzeug zurück und schlug den Autoatlas auf. Ja, es würde kein großer Umweg werden. Die Steine befanden sich fast unmittelbar an der Strecke. Er fuhr los. Schilder erleichterten ihm die Orientierung, nur in Holzhausen hätte er sich beinahe noch verfahren. Schließlich kam er an.
Er stieg aus und verschloss seinen Wagen. Etwas war hier anders, ungewohnt. Ulli fühlte die Aura der Steine lange bevor er die Felsen selbst zu Gesicht bekam. Aus dem lichten Waldstück seiner Kindheit war im Laufe der Jahre ein richtiger Wald erwachsen. Die Wiese vor den Externsteinen gab es noch, ebenso den See. Dem Mann schien es, als käme er nach unendlich langer Reise wieder nach Hause. Da war es auch erneut, dieses Märchenland-Gefühl aus seiner Kindheit. Wie schon damals umwanderte er die Steine, beeindruckt von ihrer zeitlosen Erhabenheit. Ulli ließ sich Zeit, nahm diese einzigartige Atmosphäre ganz und gar in sich auf. Lange verweilte er im Durchgang zwischen dem vom Wackelstein gekrönten Felsen und dem Treppenfels. Ebenso lange verbrachte er am Teich und am Grabfels. Einzig die Feenwiese besuchte er nicht, denn die wollte er sich für später aufsparen.
Schade, dass er keinen Fotoapparat dabei hatte. Den würde Ulli beim nächsten Mal garantiert mitnehmen! Es erschien ihm sonderbar und höchst unpassend - ja geradezu wie eine frevelhafte Entweihung - dass er im Zuge der allgegenwärtigen Kommerzialisierung Eintritt bezahlen musste, um den Turmfels erklimmen zu dürfen. Irgendwie war das nicht richtig; ein alter Kultplatz sollte allen Interessierten offen stehen!
Ulli befand sich jetzt mitten auf der Wiese und bestaunte die Felsen. Es war um die Mittagszeit herum und die Sonne verschwand eben hinter dem Turmfels, ihn dabei geradezu geisterhaft mit einer Mischung aus Rosa, Gold und Weiß beleuchtend, gerade so, als ob der Fels von innen heraus glühen würde. Der Mann ging noch ganz benommen von diesem unirdischen Anblick zum Kassenhäuschen. Kopfschüttelnd entrichtete er den Obolus und durfte erst daraufhin die eigentliche Felsenanlage betreten.
Er war auf dem Weg den Treppenfels hinauf, als er die Sonne wieder sah. Sie brannte ihm direkt in die Augen, blendete mit bläulich-goldenem Feuer. Beinahe wäre er gestrauchelt, so überrascht war er. Krampfhaft hielt der Mann sich am Geländer fest und atmete erst ein paar Mal tief durch. Diese Felsen, dieses sonderbare Licht - beides hing untrennbar miteinander zusammen. Seine Knie fühlten sich plötzlich an wie Pudding, ohne dass es dafür einen erkennbaren Anlass gegeben hätte. Ulli stieg bedächtig und vorsichtig weiter auf. Normalerweise war er schwindelfrei, aber oben auf der Brücke ...
Es kostete ihn sehr viel Überwindung, die Brücke zu überschreiten und den Höhenraum auf dem Turmfels zu betreten. Geweihtes Land, ging es ihm unwillkürlich und völlig irrational durch den Kopf. Das Rundbogenfenster des Höhenraumes zeigte, vom Höhlenfels aus gesehen, nach Osten. Zu Sonnenaufgang des Litha-Festes würde es von der Sonne durchstrahlt werden. Und nur dann! Ulli begann zu erahnen, welch überragende spirituelle Bedeutung dieser Ort für die Vorfahren einst gehabt haben musste. Ob die an diesem Ort wohl genauso empfunden hatten wie er selbst?
Irgendwann - wieviel Zeit inzwischen vergangen war vermochte er nicht zu sagen - machte er sich an den Abstieg. Erst unten angekommen fiel ihm Verschiedenes auf. Die elegant gekleidete, ältere Dame, die im Gestrüpp nach bestimmten Kräutern Ausschau hielt. Eine Gruppe von Personen in mittelalterlicher Kleidung. Ein junges Mädchen, dass auf der Wiese vor den Steinen eine Decke ausgebreitet hatte, darauf saß und meditierte. Die Frau in schwarz mit Schellen an den Fußgelenken und dem Pentagramm als Kettenschmuck. Und vor allem die vielen Touristen, denen das entweder nicht zu Bewusstsein kam oder für die das ein ganz alltäglicher Anblick war. Gedankenversunken trat er den Rückweg zum Parkplatz an. Unmittelbar am Waldrand drehte der Mann sich noch einmal um und ließ den Blick über diese ewigen Felsen schweifen. Noch einmal erlebte er diese einzigartige Ausstrahlung.
Der Weg zum Auto hin fiel ihm schwer. Unvermittelt und unerwartet erschien da dieses Flimmern vor seinen Augen, einem verwaschenen Vollmond nicht unähnlich und durchsetzt mit kleinen, grell-goldenen Spitzen, Lichtblitzen und Polyedern. Ein matter Fleck. "Scheiße - nicht jetzt!" dachte Ulli nur. Er kannte das. Es war die beginnende Aura eines Migräneanfalls. Die Lichtblitze nahmen zu und zogen sich in die Länge. Sie strebten diskontinuierlich langsam aber sicher dem Rand des Fleckens zu, wie Insekten, die von etwas Süßem angezogen werden. Am Rand des Fleckens verschmolz das alles miteinander, erst ein schwaches Leuchten, dann zunehmend. Grell-übersteuerte, gezackte, sich unablässig bewegende Linien und Muster entstanden. Immer dort, wo es eben noch besonders blendend aufgeblitzt hatte, war im nächsten Moment ein schwärzliches Geringel zu erfassen, so dass es aussah, als seien die grell-zackigen Farbempfindungen von kleinen, schwärzlichen Spiralmustern durchsetzt. Vielleicht eine Art von optischem Negativ-Effekt. Der unerträglich blendende Rand des Flecks dehnte sich aus, der Fleck selbst auch. Die Migräneaura war voll da.
Auf wackeligen Beinen - da eines wichtigen Teils seiner Wahrnehmung beraubt - erreichte Ulli sein Auto. Schwer atmend ließ er sich auf den Fahrersitz fallen. Ihm war speiübel. Sein Kopf dröhnte wie von erbarmungslos aufeinander folgenden Glockenschlägen. Glücklicherweise überraschte ihn so ein Anfall nicht zum ersten Mal. Glücklicherweise hatte er ein starkes Migränemedikament dabei. Er nahm es ein. Leider nicht mehr rechtzeitig genug, um dem auf die Aura folgenden, gnadenlos- unmenschlichen Kopfschmerz gänzlich entkommen zu können. Aber gerade eben so doch noch früh genug, um diese Phase wenigstens abzumildern. Über eine Stunde saß er im Fahrzeug und versuchte, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Er wusste, dass er nach dem Medikament nun wirklich absolut nicht mehr fahrtauglich war. Aber was sollte er tun? Irgendwie würde er doch nach Hause kommen müssen! Und was hatte den so überraschend gekommenen Anfall ausgelöst? Hatte es etwas mit der Aura der Steine zu tun? Die Rückfahrt erschien ihm wie ein Horrortrip, doch er kam zu seinem eigenen Erstaunen wohlbehalten zu Hause an.
Eine Woche später. Das Wetter war umgeschlagen und unbeständig geworden. Im Rahmen der Telefonate zwischen Schwiegervater und Schwiegermutter kristallisierte sich heraus, dass Ulli's Schwiegervater wohl doch nicht so ganz die geeignete Kleidung mitgenommen hatte. Seine Schwiegermutter bat ihn, deswegen noch mal hinzufahren. Ulli sagte sofort zu, denn dadurch konnte er früher als erwartet wieder zu den Steinen gelangen. Aber diesmal mit Kamera! Er überlegte nur kurz. Die Lichtverhältnisse würden das gesamte Spektrum umfassen - von der gut ausgeleuchteten Totalen bis hin zur dunklen Höhle. Er packte seine gesamte und wirklich hochwertige KB-Spiegelreflexausrüstung ein, dazu noch die kleine Digicam. Das würde zwar eine ziemliche Schlepperei werden, aber egal. Hauptsache es lohnte sich!
Er fuhr nach Bad Driburg, bekam aber seinen Schwiegervater gar nicht zu Gesicht, weil der Anwendungen hatte. Stattdessen stand an der Rezeption der REHA-Klinik ein Koffer bereit, den er nur mitnehmen sollte. Umso besser! Das sparte Zeit, denn der ansonsten unvermeidliche Smalltalk fiel weg. Ulli tauschte lediglich den Koffer gegen seinen Mitgebrachten aus, setzte sich ins Auto und fuhr schnurstracks zu den Steinen.
Mit der schweren Kameraausrüstung bepackt machte er sich auf den Weg. Hochsteigen würde er dieses Mal allerdings nicht, denn der Migräneanfall von letzter Woche war ihm noch zu frisch in Erinnerung. Das war so ... so absolut untypisch gewesen! Keine Vorzeichen wie sonst immer und auch kein langsames "Ausschleichen" hinterher. Stattdessen ein plötzlicher, überfallsartiger Anfall, der genauso schnell verschwand, wie er begonnen hatte. Gerade so, als wäre Ulli mit einer Art von astraler Energie aufgeladen worden, die dringend eines Ventils bedurfte und sich das auch gewaltsam gesucht hatte. Er wusste, dass diese Gedankengänge völlig irrational und bar jeder wissenschaftlichen Grundlage waren - und dennoch ... Dieses Mal würde er nur um die Steine herum wandern und auch die Feenwiese nicht aussparen, obgleich die etwas abseits lag. Warum eigentlich nicht da anfangen? Anstatt auf die Steine zuzugehen, bog er vom Parkplatz kommend nach rechts unten ab, umrundete einen Teil des Teichs und schlug sich dann rechts auf einem bergan führenden Trampelpfad in die Büsche. Zu seiner Enttäuschung jedoch gab die Feenwiese in punkto Motiv herzlich wenig her. Egal, dann eben die Steine selbst!
Ulli verließ die Feenwiese und ging um den Teich herum, näherte sich den Steinen von der Rückseite her. Der sich im Wasser spiegelnde Turmfels sah atemberaubend aus. Ulli schoss ein paar Fotos mit verschiedenen Einstellungen und ging weiter auf die Felsengruppe zu. Oben, im Höhenraum, konnte er weißgewandete Gestalten ausmachen. "Wahrscheinlich so ein paar New-Age-Jünger, die es übertreiben" dachte er bei sich und musste unwillkürlich grinsen. Er kannte einige solcher Leute. Da waren wirklich welche dabei, die es übertrieben. Die jedem selbsternannten "Guru" hinterher rannten, wenn ihnen nur laut genug möglichst viel versprochen wurde. Spinner! Für solche Typen hatte er nichts übrig. Und dann waren da noch die wenigen anderen, die er sehr schätzte. Diejenigen, die selbst nachdenken konnten. Die einen eigenen Weg gingen, gerade auch in spiritueller Hinsicht. Das respektierte er. Während seiner Wanderung heftete sich sein Blick auf den Weg. Jetzt sah er wieder auf. Die Weißgewandeten waren nicht mehr zu sehen. Er nahm sich vor, nachher mal genauer auf eben diese Leute zu achten.
Inzwischen war er schon dicht vor dem Felsdurchgang angelangt. Vor dem Treppenfels wich er aber vom Weg ab, überkletterte das Geländer links von ihm und ging zum Teichufer hinunter. Eine neue Perspektive. Die Aufnahmen würden phantastisch werden! Seltsam nur, dass er nun mutterseelenallein zu schein schien. Weit und breit kein Mensch. Als bewegte er sich in einem anderen, einem früheren Zeitalter! Dabei wimmelten es hier doch eben noch von zahllosen Touristen! Die Kraft der Steine brannte sich in ihn ein.
Die Touristen sah er erst wieder, nachdem er zurück auf dem Weg war und den Durchgang durchschritten hatte. Noch ein paar Bilder, dieses Mal vom Wackelstein- und vom Treppenfelsen. Aus den Augenwinkeln heraus sah er eine seltsam anmutende Prozession von Menschen, gekleidet in Felle. Er blinzelte. Doch da war nichts. Wahrscheinlich nur eine optische Täuschung, hervorgerufen durch irgendwelche Lichtreflexe auf dem Wasser.
Ulli schlug den Weg zur Höhle ein, denn er beabsichtigte, dort ein paar Fotos zu schießen. Wie erwartet war es stockdunkel. Er setzte das Blitzgerät auf seine Kamera, stellte die Bildschärfe so gut es eben ging manuell ein - die besten Automatiken sind die, die man abschalten kann, sagte er immer - und drückte auf den Auslöser. Im Sucher wurde es für einen Moment schwarz.
Nachdem der Kameraspiegel wieder zurück geklappt war, konnte Ulli im Nachleuchten des Blitzlichts Felle und Tongeschirr erkennen. Im Hintergrund der Höhle standen geflochtene Körbe; in der Mitte befand sich eine stark rauchende Feuerstelle. Vor der Feuerstelle wiegte sich eine mit Federn, Fellen, Bärenzähnen und Tierkrallen behangene Gestalt. Ob Mann oder Frau war nicht erkennbar. Der süßliche Rauch stach Ulli in die Nase und ein nasaler Singsang berührte ihn tief im Innersten. Verwundert ließ er die Kamera sinken und starrte in die Höhle. Doch da war - nichts!
"Bekomme ich etwa so langsam Halluzinationen?" fragte er sich und hob die Kamera erneut. Wieder das Gleiche. Der schwarze Sucher und das Nachleuchten des Blitzlichts. Die seltsame Gestalt war wieder da. Und Ulli erkannte weitere Details: Bronzene Schmuckstücke und kleine steinerne Statuen. "Das gibt's doch gar nicht!" flüsterte er und starrte erneut angestrengt in die Höhle. Die Höhle blieb leer.
Entgeistert packte er die Kleinbild-Spiegelreflex weg und griff nach der kleinen Digitalkamera, die er eigentlich fast immer mit sich führte. Damit schoss er ein paar Bilder vom Innenraum der Höhle. Auf dem Miniaturmonitor des Gerätes war jedes einzelne Mal die Gestalt zu sehen, obgleich die Höhle tatsächlich leer war. Er kontrollierte die Bilder im Anschluss. Jedes einzelne Höhlenbild war absolut schwarz! Doch er löschte die misslungenen Aufnahmen nicht. Später, am PC, würde er versuchen, die aufzuhellen. Er verfügte extra für solche Fälle über hervorragende Software. Aufgewühlt drehte er sich um und verließ diesen Ort. In seinem Kopf schwirrte es.
Ulli blickte über die Wiese zum Waldrand. Dort rührte sich etwas. Ein seltsamer Ton drang an seine Ohren. Er erblickte Menschen in weißen Kutten, eine Art von Prozession. Waren das die Leute von vorhin, vom Höhenraum? Vorne weg gingen zwei Personen, die halbkreisförmig gebogene, fast zwei Meter lange Hörner mit sich trugen und hinein bliesen. Musikinstrumente! Das war der Ton, den er gehört hatte. Aber solche Instrumente gab es doch heute gar nicht mehr ... Irritiert schloss Ulli die Augen. Öffnete sie wieder. Da war keine Prozession. Da waren auch keine Instrumente. Da waren nur Touristen ... Völlig verstört trat er den Rückweg an und fuhr nach Hause.
Als Allererstes brachte er die drei vollgeknipsten KB-Filme zur Entwicklung. Dann wurden die Digicam-Fotos auf den PC überspielt. Ulli versuchte, die schwarzen Bilder aus der Höhle elektronisch aufzuhellen. Aber egal was er tat - die vermeintlichen Aufnahmen blieben schwarz. Einfach nur schwarz! Aber das war physikalisch unmöglich! Wenigstens der Vordergrund hätte aufgrund des Blitzlichts ansatzweise abgebildet sein müssen. Doch da war nichts - rein gar nichts! Das änderte sich auch nicht, als Ulli später die entwickelten Fotos in den Händen hielt. Dort, wo die Höhlenaufnahmen hätten sein sollen, war nur tiefes Schwarz! "Das kann nicht sein!" sagte er zu sich und trug die Bilder nach Hause.
Dort angekommen scannte er die missratenen Fotos ein. Er versuchte die Aufhellung. Aber was er auch tat - die Bilder blieben schwarz! Er wollte es nicht wahrhaben. Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit besuchte er die Steine erneut. Ulli machte wieder Fotos und es ergab sich kein Unterschied. Die Bilder von der Höhle blieben schwarz. Er konnte das nicht akzeptieren. In den folgenden Jahren war er regelmäßiger zu Gast bei den Externsteinen. Mal mit, mal ohne Migräneanfall. Er ging dieses ganz persönliche Risiko mit vollem Wissen ein. Seine Bildersammlung wuchs und wuchs. Es war nicht ein einziges Höhlenfoto darunter. Er kannte jeden Stein, jeden Strauch, jeden Wassertropfen. Nur die Höhle - die blieb ihm immer ein Buch mit sieben Siegeln. Sehr oft kam es ihm vor, als sähe er dort Menschen aus grauer Vorzeit. Aber nach jedem Blinzeln waren die wieder verschwunden. Täuschungen?
Nach und nach begann der Mann zu glauben, dass sich aufgrund der Kraft der Steine an diesem bemerkenswerten Ort vielleicht die Zeitalter irgendwie überschnitten. Vielleicht ... Aber er konnte mit niemandem ernsthaft darüber sprechen. Man hätte ihn für verrückt gehalten. Es reichte allein schon aus, vorsichtig und beiläufig die besondere Aura der Steine auch nur zu erwähnen, um bezeichnende Blicke zu ernten. Das empfand er als belastend, wie eine Art von unangenehmem, dunklem Geheimnis.
Nur sehr wenige seiner Bekannten nahmen wie er selbst diese seltsame Schwingung der Felsengruppe wahr. Und diese Personen traf er nur selten, weil sie Einzelgänger waren. Bei den meisten Menschen kam von dem Flair einfach nichts an. Für die waren die Steine eine Postkartenkulisse und mehr nicht. Und wer wollte sich jetzt hinstellen und sagen, das eine ist richtig und das andere nicht? War Ulli einfach zu hypersensibel und waren die anderen Menschen einfach zu abgestumpft? Erfuhren die das nicht mehr? Oder war Ulli mit seinem Empfinden seiner Zeit voraus und die anderen noch nicht soweit?

