Gestern hat sich (wieder einmal) einer meiner 400-Euro-Kollegen verabschiedet und die Sache hingeschmissen. Er habe kein Abitur gemacht, um sich in endloser Monotonie zu Tode zu langweilen, so seine Begründung. Und mit dem Jobcenter - das ihn zu der Zwangsarbeit abkommandiert hatte - würde er schon irgendwie klarkommen. Nein, kommt er nicht. Ich kenne besagtes Jobcenter nämlich aus eigener Erfahrung und habe sogar Bücher darüber geschrieben. Dieses Jobcenter freut sich über jeden einzelnen Existenzentzug. Aber darum geht's auch gar nicht. Es geht um öde, nervenaufreibende Routine im Job, um Monotonie.

Bei dem Job steht man als Anlagenführer an der gleichen Stelle. Immer. Im Sekundentakt schiebt man vorne, am Bandanfang, die Werkstücke in die Maschine rein. 60 mal pro Minute. 3.600 mal pro Stunde. Und dann kommt die nächste Stunde und die nächste ... Die Zeit vergeht nicht. Das tut sie nie. Die Tätigkeit ist immer gleich, dabei dreckig und obendrein noch ein Knochenjob, und dennoch muss man hochkonzentriert arbeiten: Psychologisch betrachtet die klassische "Doppelbedingung der Monotonie". Die ist gesundheitsschädlich, führt kurzfristig zu Gelenkerkrankungen bspw. Sehnenscheideentzündung und auf Dauer zu Depressionen, Burnout, Infarkten.

Sicher, man könnte etwas dagegen tun. Der Mensch ist schließlich ein kommunikationsfreudiges Lebewesen. Aber Gespräche mit den Kollegen sind wegen der räumlichen Entfernung und dem Lärmpegel weder möglich noch - mit Hinblick auf die notwendige Konzentration - erwünscht. Es gibt natürlich noch andere Möglichkeiten. Ein Radio beispielsweise. Aber dafür ist die GEZ-Gebühr zu hoch; das kann das Unternehmen unmöglich tragen, denn es würde ja den Gewinn schmälern. Oder einen MP3-Player, den der Beschäftigte selbst mitbringt. Ist in jedem Handy eingebaut. Schon die alten Phönizier wussten um die Notwendigkeit eines Taktgebers und setzten die Trommel ein, um ihre Galeerensklaven synchron rudern zu lassen. Nun - Galeerensklaven haben wir heute nicht mehr. An deren Stelle sind die Minijobber getreten.

Da braucht man keinen Taktgeber und so ist selbstverständlich auch der MP3-Player mit der Begründung, dass nach GMP-Reglement gearbeitet wird (GMP = Good Manufacturing Practice) verboten - wobei GMP, ein im Grunde genommen recht sinnvoller und vernünftiger Ansatz, zur reinen Verbotsliste für Arbeitnehmer mutiert ist. Was bleibt, ist nervtötende Monotonie, welche die Züge einer Wasserfolter trägt: Arbeitsalltag im Deutschland des Jahres 2012.

Um dem entgegen zu wirken, gibt es den Arbeitsvertrag - aber eben NICHT für Minijobber! Mit denen kann man machen, was man will. Mit denen macht man seitens der Jobcenter auch, was man will, denn das sind ja alles Arbeitsscheue und Unqualifizierte. Wie die drei Abiturienten, der Koch oder der Dachdecker, mit denen ich (ich habe ja bloß sechs Berufe erlernt) zusammen arbeite. Das sind eben die Leute, die man lt. einer gewissen Dame aus Berlin "bei der Hand nehmen muss".

Und wie sieht dieses "Bei-der-Hand-Nehmen" real aus? Wer in diesem, unserem Lande heute überleben will, muss Sanktionen seitens der Jobcenter vermeiden. Dazu muss er alles mit sich machen lassen, auch Zwangsarbeit, auch Ja-und-Amen zu Dumpinglöhnen weit unterhalb eines Armutslohnes. Am Ende ist es dann doch aber der Staat selbst, der inhumane Arbeitsbedingungen zugunsten von einer Fabrikantenminderheit voran treibt. Das sollte man vielleicht mal bedenken, wenn sich wieder einer unserer so genannten "Volksvertreter" hinstellt und populistisch-medienwirksam verbalen Ausfluss produziert ...

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