(Alle Welt regt sich über die Korruption unserer Politgrößen ganz oben auf. Dabei setzen die bloß im großen Stil fort, was nur allzu oft im kleinen Stil auf Dorfebene begonnen hat. Hier ist mal eine Geschichte im kleinen Stil und natürlich auch wieder rein fiktiv. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Geschehnissen oder Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt - auch wenn manchem einiges bekannt vorkommen könnte.)
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Es war einmal in Deutschland, dem Wirtschaftswunderland in den fünfziger Jahren. Wirtschaftswunder auch für das kleine Familienunternehmen Wensö irgendwo im Norden. Wensö stellte Haushaltsartikel für den täglichen Gebrauch her. Die Wirtschaft boomte. Wensö machte gute Geschäfte, wurde größer. Das Kapital des Unternehmens bestand nicht aus Maschinen, sondern lag im Know How und im Engagement der dort Beschäftigten. Wer bei Wensö Arbeit fand, der hatte ausgesorgt. So schien es jedenfalls. Das Betriebsklima konnte man getrost als sehr gut bezeichnen.
Wensö wuchs. Aus dem kleinen Familienunternehmen mit nicht mal 20 Beschäftigten wurde ein vergleichsweise großes Unternehmen mit gut 250 Leuten. Das Geschäft florierte, weil jeder die Haushaltsartikel benötigte. Mit dem Wachsen der Firma wuchs die Verwaltung dem Ehepaar, welches das Unternehmen einst gegründet hatte, allerdings auch über den Kopf. Sie benötigten Hilfe und stellten einen jungen, adretten und zuvorkommenden Mann, den Herrn Wells, ein. Herr Wells überzeugte durch Sachkenntnis und Leistung. Er war wirklich kompetent. Man übergab ihm die Leitung von Buchhaltung und Personalwesen. Man machte ihn zum Prokuristen.
Zeit für die Gründerfamilie, mal an eigenen Nachwuchs zu denken. Der stellte sich auch ein. Aber er war nicht gesund. Die Wensös mussten sich fortan neben ihrem Unternehmen auch noch um ein behindertes Kind kümmern. Das Kind ging vor. Die mit dem Unternehmen verbundenen Aufgaben übernahm mehr und mehr der Herr Wells. Das Unternehmerehepaar vertraute ihm und ließ ihm vollkommen freie Hand. Das wiederum wusste der Herr Wells geschickt für sich auszunutzen. Zuerst bekam es der Einkauf zu spüren, der nur noch minderwertiges Rohmaterial zu beschaffen hatte. Abgerechnet wurden allerdings hochwertige Waren. Der Differenzbetrag floss auf das Privatkonto des Herrn Wells. Und selbstverständlich wusste niemand von diesem Deal.
Es hagelte Reklamationen. Aber das machte gar nichts. Denn es handelte sich ja nicht um das Unternehmen von Herrn Wells. Er fand immer einen Weg, den schwarzen Peter irgendeinem Beschäftigten zuzuschieben. Den er anschließend feuerte. Womöglich auch noch verklagte. Schuld waren nämlich immer die anderen. Wie viele Existenzen er auf diese Weise zerstörte und wie viele Familien er kaputt machte war ihm gleichgültig. Es betraf ja nicht ihn selbst. Bei Wensö hatte sich eine Schlange in Nadelstreifen eingeschlichen. Nur erkannten die Firmeninhaber die Schlange noch nicht und begannen, auf die unfähigen Arbeiter zu schimpfen. Auf diese Weise verschlechterte sich das Betriebsklima dramatisch. Allerdings endete auch etwa zu diesem Zeitpunkt die Wirtschaftswunderphase endgültig. Mit den Schiebereien beim Einkauf ließ sich nicht mehr genug Geld verdienen.
Herr Wells verfiel auf Plan B, zumal sich die Unternehmensgründer ja bereits weitgehend zurückgezogen hatten. Er nahm die Lohngelder der Beschäftigten - die Lohnbuchaltung leitete er ja auch - und machte Optionsgeschäfte. Termingeschäfte. Er hatte ein glückliches Händchen dafür. Den Gewinn steckte er selbst ein. Aufgrund der Termingeschäfte konnten die Löhne oftmals nicht pünktlich ausgezahlt werden. Machte nichts. Herrn Wells kümmerte das wenig. Die Beschäftigten dagegen sehr viel mehr, mussten sie doch pünktlich ihre Mieten und ihre Rechnungen bezahlen. Nach und nach liefen Wensö die Leute weg. Leute mit Know How. Es gab keine Innovationen mehr. Die Produktqualität sank weiter und weiter. Irgendwann musste Firma Wensö Konkurs anmelden. Jetzt erst erkannten die Firmeninhaber, was wirklich geschehen war. Aber zu spät. Die Pleite kannte nur einen Sieger: Herrn Wells. Der besaß inzwischen etliche Millionen. Er kannte nur noch sein Geld. Er definierte Leben und Menschsein über den Besitz von Geld.
Geld muss arbeiten; muss sich vermehren. Herr Wells wusste das nur zu gut. Ihm kam auch eine grandiose Idee. Was wäre, wenn er alle maßgeblichen Personen in einem Ort zu einer Gemeinschaft zusammenschweißen konnte, der er selbst vorstand? Wenn diese Gemeinschaft offiziell gemeinnützige Aktionen fördern würde, während er selbst im Hintergrund die Fäden zog und die tatsächlich wichtigen Entscheidungen traf? Wenn er den Mitgliedern dieser Gemeinschaft kostengünstige Kredite zukommen ließe und sie so an sich band? Gesagt, getan. Herr Wells gründete einen gemeinnützigen Verein zum Wohle aller. Darin vertreten Ärzte, Apotheker, Handwerker, Vermieter, Selbständige, Anwälte, Journalisten, Kommunalpolitiker, Geistliche usw. Nur keiner vom Fußvolk. Und Herr Wells leitete den Verein, wurde Vorsitzender. Der Kassenwart war ihm treu ergeben, weil er den beim Hausbau finanziell unterstützt hatte. Wie es um die Finanzen bestellt war, wussten nur die Beiden. Und die hielten dicht. Eine Hand wäscht die andere.
Wenn einer der Gewerbetreibenden für sein Geschäft Geld benötigte, dann fragte er nicht mehr die Bank. Er ging gleich zu Herrn Wells, denn das gehörte sich inzwischen eben so. Denn der vergab privat weitaus günstigere Kredite. Und mit der Tatsache, das der hier und da dafür zum Ausgleich mal ein kleines Entgegenkommen verlangte, ließ es sich durchaus leben. Nach gut einem Jahrzehnt war die Gemeinschaft, für die alle darin vertretenen Journalisten nur Lobeshymnen fanden, tatsächlich zu einer Art von Dorfmafia geworden. Eine Dorfmafia, in der Herr Wells den Paten stellte. Nur er allein bestimmte.
Alles ganz legal und geschickt hinter den Paragraphen versteckt. Und wann immer jemand von den maßgeblichen Personen - und nur um die ging es; alle anderen vom Fußvolk waren ohnehin verzichtbar - Geld benötigte, dann half Herr Wells gerne aus. Er wurde reicher und reicher. Geld und Macht korrelieren. Der Pate der Dorfmafia wurde immer mächtiger. Wenn jemand sich kritisch äußerte, dann fand er im Ort keine Arbeit mehr. Benötigte der Unternehmen, dann musste er die für teures Geld von außerhalb kommen lassen. Wer ein neues Gewerbe anmelden wollte, hatte sich mit Herrn Wells gut zu stellen. Denn andernfalls stand er auf verlorenem Posten. So manchem - sei es eine Privatperson oder ein durch überhöhte Mieten in den Ruin getriebenes Unternehmen - blieb nichts anderes übrig als wegzuziehen und woanders nochmal bei Null anzufangen. Der Pate und die Dorfmafia kontrollierten alles. Wehe dem, der ausgeschlossen worden war: Faschismus der neuen Form in Reinkultur. Faschisten in der Maske von Demokraten.
Die Dorfmafia - pardon, der gemeinnützige Verein - blieb aber permanent dabei, auch der Allgemeinheit dieses oder jenes zukommen zu lassen. Die Krümel vom Kuchen sozusagen. Eine Bestätigung der neoliberalen Pferdeäpfeltheorie. Der Schein musste ja gewahrt bleiben. So wurde Herr Wells nach und nach zum Wohltäter der Ortschaft hochstilisiert und es gab kaum einen Zeitungsbericht, in dem seine Leistungen zum Wohle aller nicht entsprechend gewürdigt wurden. Unter der Hand allerdings bezeichnete schon so mancher Einwohner den vermeintlichen Wohltäter nur noch als "den alten Betrüger". Nun ist ein bisschen Macht ja vielleicht ganz schön, aber nicht wirklich ausreichend. Deswegen griff Herr Wells auch nach der Politik.
Was eigentlich ganz einfach war, denn zum Verein zählten ja auch kommunale Größen aus der Politik. Besonders ein aufstrebender junger Mann, ein Herr Tlann, hatte es dem Paten angetan. Herr Wells überzeugte auf seine unnachahmliche Weise die Ratsmitglieder, dass Herr Tlann doch der ideale Kandidat für den Posten des Bürgermeisters sei. Und Herr Tlann wurde - wen wundert's - auch tatsächlich zum Bürgermeister gewählt. Er beabsichtigte, sich ein standesgemäßes Eigenheim zu bauen. Nichts Großes, bloß so ein kleiner Bungalow mit innenliegendem Swimming Pool und ein paar anderen Kleinigkeiten, auf die jemand seines Standes keinesfalls verzichten konnte. Herr Wells half - wie könnte es auch anders sein - wieder mit etwas Geld aus. Er machte Herrn Tlann allerdings unmissverständlich klar, dass Entscheidungen der Lokalpolitik künftig so auszufallen hätten, wie er - Herr Wells - das wünschte. Herr Tlann hatte keinerlei Problem damit. Denn, wie schon gesagt: Eine Hand wäscht die andere.
Die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich. Um die Jahrtausendwende herum platzte die Dotcom-Blase und auch der größte Arbeitgeber im Ort - der in die falschen Aktien investiert hatte - musste seine Pforten für immer schließen. Herr Wells witterte dadurch ein Riesengeschäft. Welche Fäden er zog und welche Beziehungen er nutzte, um den Herrn Tlann zum Boss der Kommunalverwaltung zu machen, gelangte im Detail niemals an die Öffentlichkeit. Es gab nur hier ein Gerücht und da ein Gerücht. Als führender Kommunalpolitiker aber oblag es jetzt dem Herrn Tlann, das nun unbenutzte Industriegelände für einen geringen, symbolischen Preis zu kaufen und einer anderweitigen Nutzung zum Segen der Allgemeinheit zuzuführen.
Genau das tat er auch. Das sein Mäzen, der Herr Wells, bei jeder einzelnen Aktion dieser Art - Ansiedlung von Kleingewerbe, das selbstverständlich nur dann eine Konzession erhielt, wenn die Personen Mitglied im o. e. Verein wurden, mehrere Sportstätten, ein Event-Zentrum usw. - seine Finger im Spiel hatte, wussten nur die Wenigsten. Und dass der Herr Wells viele der Gebäude für 'nen Appel und 'n Ei vom Herrn Tlann gepachtet hatte, musste auch nicht unbedingt an die große Glocke gehängt werden. Aber diese Vorgehensweise lohnte sich: Irgendwo, weit im Hintergrund, saß immer der Pate der Dorfmafia und trat als Arbeitgeber und als Vermieter auf. Und er kassierte.
Aber nicht nur er. Auch für den Herrn Tlann, der seitens des Paten nach und nach zum Nachfolger aufgebaut wurde, rechnete sich die ganze Sache. Brauchte der Pate Personal, dann köderte er Arbeitslose mit vergleichsweise hohen Löhnen und meldete diese hohen Löhne auch an die Jobcenter weiter. Tatsächlich aber zahlte er nur zwei Drittel oder sogar noch weniger, woraufhin die Leute Probleme mit den Jobcentern bekamen, weil die denen unterstellten, mindestens ein Drittel ihrer Einkünfte zu verschweigen.
Das aber interessierte den Herrn Wells nicht die Bohne. Besonders seine Sportstätten erwiesen sich als Goldgrube und da die nur gepachtet waren, machte die Kommune auch die Abrechnung. Wobei Stundenzettel "verschwanden" und Besucherzahlen "korrigiert" wurden, so dass die Sportstätten vorgeblich keinen Gewinn abwarfen. Das ermöglichte es, Beschäftigte über die Kommunalverwaltung für einen Euro zu bekommen. Immer hatten die Beschäftigten das Nachsehen (und die Beweislast) und immer hielt der liebenswerte Herr Tlann seine Hand schützend über die krummen Geschäfte des Herrn Wells. Weshalb der Letztere auch dafür sorgte, dass in den Gemeinderäten der betreffenden Ortschaften nur noch willfährige Abnicker saßen. Jemand anders konnte sich gar nicht mehr zur Wahl stellen.
Herr Wells wusste sich gegenüber dem Herr Tlann selbstverständlich zu revanchieren, verfügte er doch mittlerweile über gut gepflegte Beziehungen nach ganz oben, zu Baulöwen und ähnlich bessergestellten Personen. Und so durfte der Herr Tlann - mit finanzieller Unterstützung durch Herrn Wells - das eine oder andere Eigenheim auch in eigentlich nicht dafür vorgesehenen Gebieten bauen. Das wiederum brachte sehr gute Mieteinnahmen, von denen sie beide profitierten. Dann hier und da noch ein größeres Wohnheim-Objekt mit seitens Herrn Tlann vermieteten Luxus-Suiten - selbstverständlich finanziell vom Herrn Wells abgesichert - und so wurde der Leiter der kommunalen Behörde nach und nach auch noch zu einem der einflussreichsten Vermieter im Ort.
Nun machen Mietwohnungen und Luxus-Suiten allein natürlich nicht wirklich viel her. Um da zahlungskräftige Mieter rein zu bekommen, muss auch das dörfliche Umfeld stimmen. Also die Parkanlagen, die Verkehrsanbindung, das gesamte Aussehen des Ortes. Und so ließ der Herr Wells seine Beziehungen nach ganz oben spielen und der Herr Tlann räumte erst einmal alle potenziellen Widerstände aus dem Weg. Langjährige Anwohner wurden kommunalbehördlich weggemobbt. Häuser mussten weichen, weil die baufällig geworden waren. Das hatten Gutachten ergeben. Die Gutachter wurden vom Herrn Tlann engagiert und bezahlt. Das Geld dafür nahm er aus dem Steueraufkommen, zu dem auch die Anwohner, die er wegekelte, selbst mit beigetragen hatten. Natürlich sprachen manche Leute von Gefälligkeitsgutachten, aber wer glaubt schon so etwas? Bei der Gelegenheit konnte er sich auch gleich auf elegante Weise der oppositionellen Stimmen im Gemeinderat entledigen. Der Weg war geebnet worden und der Pate konnte sich zur Ruhe setzen. Herr Tlann nahm dessen Stelle ein.
Nachdem alle möglichen Widerstände schon im Vorfeld beseitigt worden waren, rief der Herr Tlann ein Projekt "Unser Dorf soll schöner werden!" ins Leben. Der Wert seiner Mietobjekte würde sich dadurch immens steigern. Zur Kasse allerdings wurden die Anlieger gebeten. Mit Vorteilsnahme hatte die ganze Geschichte jedoch ganz und gar nichts zu tun, denn wer will es jemandem verwehren, dass der "rein zufällig" ein paar Mietshäuser in der betreffenden Gegend besitzt? So ein Projekt läuft natürlich nicht von heute auf morgen und es verging Zeit. Viel Zeit. Auch Herr Tlann begann in die Jahre zu kommen. Er sah sich nach einem Nachfolger um und fand Herrn Dörg. Der sollte das Projekt "Unser Dorf soll schöner werden!" quasi als Gesellenstück umsetzen: Straßenverlegungen, Änderung der Verkehrsführung, Neugestaltung von Parkanlagen und und und. Teuer, teuer, teuer.
Das tat der auch. Zuerst gab es eine Bürgerinformation, in deren Verlauf die Bürger das Projekt einhellig ablehnten und die dem Herrn Tlann hündisch ergebenen Ratsherren das Projekt einhellig abnickten. Dann wurde gebaut. Jahrelang. Die Bürger hatten für etwas zu zahlen, das sie nicht brauchten, weil es die Kommunalverwaltung so wollte. Der eine oder andere, selbstverständlich vollkommen "unbeabsichtigte" Buchungsfehler - wenn bspw. eine Parkumgestaltung beim Straßenbau den Anliegern angelastet wurde - machte die Sache für die Anwohner nicht gerade billiger. Und wenn etwas von den Buchungsfehlern aufflog, ja dann war das eben ein peinliches Versehen gewesen und sehr gut, dass aufmerksame Beobachter das gerade noch rechtzeitig bemerkt hatten. Man wollte ja die Bürger nicht über Gebühr zur Kasse bitten!
Als sich die ganze Angelegenheit nach Jahren ihrem Ende näherte, da war der Herr Tlann ein gemachter Mann, der sich zu seinem einstigen Förderer, Herrn Wells - dem Paten der Dorfmafia - auf's Altenteil zurückziehen konnte. An der Front stand jetzt der Herr Dörg. Viele frühere Anwohner hatten aufgrund finanzieller Probleme ihre bisherigen Wohnungen aufgeben müssen und zogen woanders hin. In diese Lücke stieß eine zahlungskräftige Klientel, nämlich finanziell gut gestellte Stadtflüchtlinge. Der Ort florierte. Nach denen aber, die das finanziert hatten, fragte keiner mehr. Die Kommunalpolitiker und Gewerbetreibenden fühlten sich in ihrem Handeln durch und durch bestätigt. Der Verein und der durch ihn repräsentierte Faschismus im neuen Gewand waren zum Selbstläufer geworden. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann mauscheln sie noch heute. Ganz legal, versteht sich ...

